Der magische Stift

Drawn to Life kann auf dem Nintendo DS trotz kindgerechter Aufmachung auch Erwachsene begeistern, da das einfache aber doch sehr originelle Spielprinzip bemerkenswert viel Freiraum für eigene Entfaltung lässt. Das Motto dabei: Mal dir dein Spiel doch selber! Ob Brücke oder eigene Spielfigur, hier kritzelt ihr wesentliche Elemente der Welt nach Belieben eigenhändig zusammen. Dass die fummelige Wiimote-Steuerung der Konsolenversion aber wohl selbst einen Picasso zum Pook-esken Paintmaler degradiert hätte, trägt auf etwas enttäuschende Weise zum Unterhaltungsfaktor der "großen" Krackelorgie bei. Na wenigstens ist unser Test hier dafür um so unterhaltsamer geworden!


Du bist, was du malst

Wenn Gott uns solch eine Möglichkeit doch auch im wahren Leben bereitgestellt hätte. Ganz wie von der Serie gewohnt, findet die Geburt eures Helden im User-gesteuerten Editor statt. Ob ihr dabei bloß vorgefertigte Bauteile aneinander reiht oder gleich komplett alles aus der freien Hand heraus zeichnet, bleibt euch überlassen. Ein paar rudimentäre Umrandungen zeigen euch die relevanten Proportionen der Figur an, innerhalb derer ihr euch austoben dürft. Dank fehlendem Onlinemodus sogar ganz zensurlos, wie meine komplett nackelige "Regel Nr. 2"-Dame beweist. Selbst die für Bewegungsanimationen relevanten Scharnierpunkte lassen sich großzügig genug anpassen, um einen sichtbar individuellen Protagonisten zu erschaffen. Schon vorher hat man während einer recht langatmig erzählten Schöpfungsgeschichte (kein Vergleich zum coolen Lehm-Menschenbau-Shit der echten Bibel) eine Miniaturansicht der Welt, die Sonne und den Mond gepinselt. Im gesamten Spielverlauf geht Userarbeit dieser Art stetig weiter: Nach und nach erscheinen Blumen dank mir als Möpse an pikanten Stielen, Wolken erinnern nach meinem Eingriff ganz im Geiste von Howard Hughes eher an gut gefüllte Quarktaschen und Vögel tun am Himmel mit etwas Nachhilfe genau das, was man ihrem Namen zufolge am ehesten von ihnen erwarten würde. Ganze Levels muss bzw. kann man in der "Der magische Stift" zwar nicht anfertigen, die einzelnen individualisierbaren Elemente haben mich aber eh schon genug gefordert. Auf dem Weg durch das Abenteuer begegnen einem verschiedenfarbige Boxen, die nach und nach jeweils Kulissenteile (z.B. Pflanzen), mechanische Elemente (z.B. Aufzüge) oder sogar Fahrzeuge designen lassen. Die so generierten Bilder bzw. ausgewählten Vorlagen (freischaltbare Profi-Alternativen) werden dann automatisch an den entsprechenden Plätzen im ganzen Game eingesetzt. Damit z.B. meine Milchtütenprimel dabei nicht wie ein alle zwei Spielmeter aufgestellter Klon aussieht, variiert Der magische Stift Größe, Symmetrie-Achsen und andere optische Eigenschaften jeweils so, als habe die Ur-Kreation tatsächlich ihren Samen gestreut und neue Individuen nach ihrem Vorbild wachsen gelassen hat. Ja, an sich ein gruseliger Gedanke.
Der magische Stift

Spielerisch ganz unabstrakt

Vergessen wir mal ganz kurz, dass Der magische Stift uns per Maleditor einige seiner Assets verunstalten lässt. Gut. So. Eigentlich können wir Der magische Stift jetzt auch gleich komplett vergessen. Dem lahmen und von mehreren nervigen Ladepausen (ziehen sich durchs Spiel, wann immer man in den Malteil bzw. wieder zurück wechselt) unterbrochenen Intro entsprungen, finden wir uns am Anfang erst mal in einer Ministadt wieder, deren Einwohner offensichtlich von einem großen "Animal Crossing"-Fan designt wurden. Hier werden wir sofort schonungslos auf die belanglosen Mini-Dialoge eingestimmt, wegen derer wir im Storyverlauf nach praktisch jedem Abschnitt wieder in den Hauptbereich zurückkehren müssen. Die eigentlichen Jump'n'Run-Levels des Spiels setzen zwar auf bewährte Traditionselemente, langweilen dafür aber mit sehr anspruchslosem Einsatz eben dieser. In Sidescrollermanier springt, doppelspringt und rennt man höchst offensichtlich abgesteckte, geradlinige Parkours ab, auf denen selbst die "versteckten" Items keine Stimulanz des Videospieleteils eures Gehirns erfordern. Mit seinem seichten Anforderungsgrad und der minimalistischen, bunten Zeichentrickoptik versprüht Der magische Stift also am ehesten den Charme eines kostenloser Flash-Plattformers, bei dem man auf keinen Fall verlieren soll, weil am Ende als "Belohnung" ein weiterleitender "Gewinnlink" auf eine ominöse Werbeseite wartet. Selbst wenn man die Instant-Malaktionen hinzunimmt, bei denen man in räumlich begrenzten Boxen per Zeichenstrich neue Wege in die Luft zeichnet oder simple Gebilde malt, die augenblicklich manifestiert auf Gegner plumpsen, kann Der magische Stift spielerisch überhaupt nicht fesseln. Ein weiterer Beleg für diese Feststellung sind die Fahrsequenzen. Nach anfänglicher Begeisterung für den von mir gemalten TIE-Fighter (meine Spielfigur sitzt bei dem Teil in 'ner Kugel mit authentischem Fensterrahmendesign, während die Flügel als eckige Räder fungieren) stelle ich viel zu schnell fest, dass Der magische Stift mich praktisch nur eine Art Carrerabahnstrecke abfahren lässt, in der ich außer Gasgeben nicht viel zu melden habe. Der Originalitätsfaktor dieser ganzen auf dem Papier cool klingenden Features ist schon nach den ersten beiden Levels verflogen, da ihre Einsatzmöglichkeiten bis kurz vor Storyschluss kaum Variation zu bieten haben. Genau so wenig wie die musikalische Untermalung, bezüglich derer ich mich einfach nicht entscheiden kann, ob sie mich mit ihrer zumeist monoton fröhlichen Melodie nun nervt oder müde macht. Eine Reihe aufgebotener Offline-Multiplayer-Minigames wirkt so deplatziert und langweilig ans Spiel gehangen, dass die nüchterne Erwähnung hier dem wohl am passendsten gerecht wird.
Der magische Stift

Malerisch zu unexakt

Mit Hilfe eines abgrundfüllenden Menschen-Euters über eine Schlucht zu laufen... hat auch was. Aber warum über Riesentitten trampeln, wenn man bei entsprechendem Spielfortschritt auch gleich mit einem Paar Zungenflügel (AreaGames-Hardcore-Members bekommen an dieser Stelle übrigens das Wort "Penisflügel" eingeblendet. Upgradet noch heute eure Userschaft zum Preis von 1ner Menge € oder der doppelten Menge $!) drüberflattern könnte? Die Intervall-artig einsetzbare Abhebe- und Schwebehilfe wird vom Spiel automatisch auf Grundlage eures Kunstwerkes in Bewegung animiert. Solche Effekte hat Der Magische Stift allgemein ziemlich gut drauf, anders sieht das bei der Kollisionsabfrage aus. Füllt eure selbstgemalte Brücke nicht das komplette Malfeld aus, läuft eure Spielfigur beispielsweise einfach durch die Luft weiter. Bei einigen vom User kreierbaren Sprungplattformen hat man im Gegensatz dazu das Gefühl, man falle links und rechts häufig durch das Gemalte Ende hindurch. Zum Glück hält Der magische Stift in seinen simplen Levels nur selten tödliche Abgründe oder sonstige ernstzunehmende Gefahren bereit, wodurch trotz allem kein Frust aufkommen kann. Die einzeln platzierten Gegner sind lachhafte Dummies, die weder Taktik erfordern noch anhand ihrer Gestaltung zu begeistern wüssten. Der eigentliche, verdammt hohe Schwierigkeitsgrad rührt komplett aus der kreativen Komponente. Die Wiimote ist eine Fernbedienung und kein Stift, so wie der Stylus beim DS. Man hält sie frei in der Luft, ohne ein Touchpad wie beim DS. Möchte man also irgendetwas originelles mit der Wiimote zeichnen, das über simples Verbinden von Strichen und/oder Kreisen (dafür gibt's zum Glück klassische Geometrietools) hinausgeht, muss man sehr, sehr viel Zeit investieren und wird am Ende trotzdem nur in den seltensten Fällen zufrieden damit sein. Ständiges Nachjustieren der Zoomstufe (anders ist nicht der Ansatz eines zu pinselnden Details möglich), ständiges Korrigieren trotz höchster Konzentration komplett falsch gemalter bzw. gefarbfüllter Dinge und die dabei von Minute zu Minute unbequemer werdende Starr-Armhaltung mitten in der Luft machen Der magische Stift zur Qual für all diejenigen, die nicht schon nach der ersten halben Stunde aufgegeben und von da an nur noch zu den vorgefertigten Schablonen gegriffen haben. Die sind übrigens nicht nur Hauptfreispielware (statt neuer Malfunktionen, die man sich viel eher wünschen würde), sondern auch noch gefühlte Verhöhnung des Spielers. Selbst wenn die Entwickler-Assets vom Stil her allesamt simpel gehalten sind, so wurden sie doch unter keinen Umständen an der Wii gefertigt. Los, rückt die PC-Schnittstelle heraus, denn anders wird es wohl nur sehr schwierig sein, die Hauptkritikpunkte am Malmodus des Spiels in einem möglichen Nachfolger auszubessern!
Der magische Stift

Der tragische Stift

Kommentare

Pousch
  

Als begeisterter Podcasth?rer hatte ich irgendwie das Gef?hl, dass dieser Test lustig werden k?nnte ;-)

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Mugiwara
  

Das beste am Spiel ist der Testbericht von Daniel :D

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KEKSi360
  

seinen eigenen helden zu malen hat schon was :) aber das dieses game so abstinkt ist schon wieder schade.
das feature sollte man sp?ter mal in andere games einbinden.

aber ich glaube, ich code erstmal ein game f?r den pooook. so mit nackten nymphen die den armen pook in einem haus der schmerzen und l?ste gefangen halten. der poook muss sich dann durch den zauberstift werkzeuge malen um den b??sen b??sen nymphen gerecht zu werden :D

verkaufe ich dann bei xbox live als indie game f?r 400points. wird bestimmt der renner :D

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HLecter
  

Danke f?r diesen grandiosen Test! Ich habe keine Wii, werde nie eine besitzen und kann auch nicht zeichnen und trotzdem konnte ich nicht aufh?ren weiter zu lesen :)

"wenn man bei entsprechendem Spielfortschritt auch gleich mit einem Paar Zungenfl?gel (AreaGames-Hardcore-Members bekommen an dieser Stelle ?brigens das Wort "Penisfl?gel" eingeblendet. Upgradet noch heute eure Userschaft zum Preis von 1ner Menge ? oder der doppelten Menge $!)"
Ich habe Tr?nen gelacht!

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Strolch
  

Ein Auszug aus dem Artikel "Video Game Crash" auf wikipedia:

Vorgeschichte und Ausl?ser (...)
Viele qualitativ schlechte Spiele wurden von den unterschiedlichsten Spieleanbietern auf den Markt gebracht.


;-)

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