Punch-Out!!

In ... the ... FACE! Die Wii-Boxspiel-Debakel der letzten Monate (Ready 2 Rumble Revolution, Don King Boxing) waren ein ungeblockter Kinnhaken für alle videospielenden Freunde der gesichtsverformenden Sportart. Nun hat Nintendo selbst sich der Sache angenommen und tut das was der Firma früher oft gelungen ist: Der Konkurrenz zeigen, wie es besser geht. Und dafür graben die Japaner gleich mal eines ihrer ältesten Franchises wieder aus.


Den Semestern unter euch, die auch noch wenigstens mit dem Super Nintendo aufgewachsen sind, mag der Titel Punch-Out!! seltsam vertraut im Ohr klingen. Etwa 15 Jahre liegt es zurück, dass mit Super Punch-Out!! der Nachfolger eines der größten NES-Klassikers für Nintendos 16 Bit-Konsole erschien. 15 Jahre in denen Little Mac seine Box-Handschuhe liegen ließ. Von den hauseigenen Helden hat es wohl nur noch Kid Icarus-Flattermann Pit härter getroffen, der aber wenigstens in der letzten Smash Bros.-Klopperei wieder zum Bogen greifen durfte. Satte drei Konsolengenerationen später und beinahe in Vergessenheit geraten dürft ihr aber endlich erneut in die Rolle des jungen Aufstiegsboxers schlüpfen und einem ebenso bizarren wie vielseitigem Gegnerkader die Augenlider bügeln. Doch bevor wir uns dem aktuellen Handgemenge widmen, werfen wir nach so langer Zeit erst mal ein Blick zurück auf die beiden Vorgänger.

(Mike Tyson’s) Punch-Out!!


Im Jahr 1990 erschuf Nintendo mit der NES-Umsetzung des Arcade-Boxspiel Mike Tyson's Punch-Out!! eine zeitlose Spielspaßbombe, die auch heute noch regelmäßig Top 10-Listen für die kultige Heimkonsole bewohnt. Verkaufsstark angeführt durch den Namen des umstrittenen und dezent kannibalistisch veranlagten Ex-Schwergewichtsweltmeisters "Iron" Mike Tyson, überzeugte Punch-Out!! nicht durch Komplexität oder den Versuch größtmöglichen Realismus, sondern durch die perfekte Erfüllung der ehernen Gameplay-Regel "Leicht zu erlernen und schwer zu meistern". Ausweichen, Blocken, hohe und tiefe Schläge reichten aus, um zusammen mit einer internationalen Gruppe von eigenwilligen, aber sympathischen und vor allem herausfordernden Kontrahenten, die Hände ans Pad zu kleben. Denn "schwer zu meistern" durfte wirklich wörtlich genommen werden: Ob legendäre Namen wie "Great Tiger", "Piston Honda", "Soda Popinski", "King Hippo" oder der "Super Macho-Man", alle hatten unterschiedliche Angriffsmuster und nur wer die Hinweise für eine nahende Attacke erkannte und obendrein blitzschnelle Reflexe besaß, hatte eine Chance gegen die toll animierten Boxer-Karikaturen. Am Ende wartete "Iron Mike" persönlich darauf euch eine Abreibung zu verpassen. Später musste sein Name aufgrund eines Rechtsstreits wieder aus dem Spiel genommen werden und sein Charakter wurde durch "Mr. Dream" vertreten. ... Eine wahrlich respekteinflößende Betitelung.
Zwischen den Runden erhieltet ihr teils augenzwinkernde Tipps von eurem nicht gerade vorbildlich korpulenten Trainer Doc Louis und durftet euch die Angebersprüche eurer Gegner an den Kopf werfen lassen. Aufwendige Grafik, Ohrwurmmelodien, ein unverwüstliches Spielprinzip, humorvolle Präsentation und Mario als Ringrichter: Punch-Out!! ist vielleicht DAS Sport-Highlight in der Spielebibliothek des Nintendo Entertainment System und heute auch für 500 Wii-Points für die Virtual Console erhältlich. Ein Download der die Überlegung definitiv wert ist.
Punch-Out!!

Super Punch-Out!!


Vier Jahre auf den beliebten Vorgänger folgte dieses Sequel für das Super Nintendo Entertainment System. Am grundlegenden Spielprinzip und auch der Steuerung hatte sich nichts geändert. Wieder betrachtete man einen diesmal leicht transparenten Little Mac von hinten und versuchte mit geschicktem Timing den Angriffen des Gegenübers auszuweichen und selbst ein paar gut platzierte Schlagsalven vom Stapel zu lassen. Der 16 Bit-Nachfolger unterschied sich vom Original, abgesehen von der aufwendigeren Grafik, vor allem durch den Power-Balken am unteren Bildschirmrand, der sich durch lückenlose Schlag- und Ausweichfolgen füllt und bei voller Leistung ein paar extraharte Punches ermöglichte und die noch skrupelloseren Kontrahenten. Charaktere, wie "Dragon Chan", "Heike Kagero" oder der 78 Jahre alte "Hoy Quarlow" traten (!) euch schon mal gerne ins Gesicht, nutzten ihre lange Mähne als Peitsche oder nahmen den Gehstock zu Hilfe, um euch die Ecken rund zu kloppen.
Super Punch-Out!! war ebenfalls ein schnörkellos spaßiges Fun-Box-Erlebnis, ließ aber etwas die liebevolle Präsentation des Erstlings vermissen (weil zum Beispiel auch Doc Louis und seine weisen Ratschläge fehlten) und brannte sich nie so ins Gedächtnis der Spieler, wie der legendäre NES-Klassiker. Für 800 Wii-Points könnt ihr euch auch dieses gelungene Stück Retro-Software über die Virtual Console runterladen.
Punch-Out!!

Die Bedienung: So einfach wie Handschuhe anziehen!


So, prinzipiell hab' ich es mir mit dem kleinen Rückblick mal wieder ziemlich leicht gemacht, denn Punch-Out!! orientiert sich ganz klar am ersten Teil der Reihe. Es gibt kaum noch was zu ergänzen. Für Fans, wie auch für Neueinsteiger ist das eine Feststellung, die allein schon die hohe Wertung rechtfertigt.
Das Spiel versetzt euch wieder in die Rolle des 17jähriger Box-Aufsteigers Little Mac, aus der Bronx und bietet euch für ihn zweieinhalb mögliche Kontroll-Optionen an: Die Kombination aus Wiimote und Nunchuk, die Wiimote einsam und allein und beide mit Einsatz des Balance-Boards, welches ihr dann zum Ausweichen verwenden könnt. Das ist bei den flinken Auseinandersetzungen leider wenig präzise, weshalb ihr lieber darauf verzichten solltet. Ansonsten funktionieren beide Möglichkeiten schlichtweg perfekt. Dabei wurde das Bedienungsschema beinahe komplett vom Original übernommen. Mit dem Analog-Stick oder dem Steuerkreuz weicht ihr nach links oder rechts aus, könnt euch ducken und bestimmte Schläge blocken. Punch-Out!! wäre auf der Wii natürlich pure Verschwendung, wenn ihr zum Boxen nicht beide Controller-Einheit wie wild durch die Gegend wuchten müsstet. Mutete diese Methode bei Wii Sports noch etwas unausgegoren an und ließ das Glück mitspielen, sind die Eingaben hier absolut treffsicher. Das liegt aber auch daran das Nintendo die Wahl für hohe und tiefe Punches klugerweise wieder über Analogstick/Steuerkreuz ausführen lässt. Nutz ihr nur die Fernbedienung, werden die Attacken über die 1- und 2-Tasten vollführt. Wehrt ihr Treffer ab oder werden eure Angriffe geblockt, verliert ihr Ausdauer. Ist sie leer, könnt ihr nicht austeilen, bis sie durch eine geschickte Ausweichbewegung wieder aufgeladen wurde. In einigen Momenten, wenn sich der Gegner zum Beispiel kurz in Pose wirft, könnt ihr oft einen besonders schmerzvollen Treffer landen, durch den ihr einen von maximal drei Sternen erhaltet. Durch drücken des A-Knopfes bei gleichzeitigem Schwingen der Fernbedienung zieht ihr ihm dann einen vernichtenden Haken unter die Kinnlade.
Punch-Out!!

Das Gameplay: Eine Gerade die sitzt!


Nun, wo ihr die Bedienung kennt, dürft ihr euch das Tutorial des Spiels gleich sparen und sofort in den Karriere-Modus starten. Dieser ist allerdings genauso wenig ein echter Karriere-Modus, wie Punch-Out!! eine ernsthafte Sport-Simulation ist. In drei Circuits tretet ihr gegen jeweils vier Kontrahenten an, plus einen Endgegner und einen versteckten Charakter. Fast alle wurden aus den Vorgängern übernommen. Einzige Ausnahme ist der selbstverliebte "Disco Kid". Dabei müsst ihr euch die Fights wie nahtlos aufeinanderfolgende Bosskämpfe vorstellen. Die Boxer haben alle unterschiedliche, aber festgelegte Angriffsmuster, deren Gefahren und Schwachstellen es herauszufinden gilt. Nintendo-typisch ist die Balance hervorragend. Die Kämpfe bleiben stets fair und der Schwierigkeitsgrad steigt kontinuierlich an. Für Anfänger und Leute, die sonst nur Adventures spielen dürfte es aber dennoch schnell hart werden, denn schon im zweiten Circuit geht ohne blitzschnelle Reflexe und Nervenstärke gar nichts mehr. Zumal ihr, wie gesagt, auch erst mal die Taktik eures Gegenübers ergründen müsst. Zum Glück steht Doc Louis wieder allzeit hinter euch und gibt in den Rundenpausen hilfreiche Tipps für den Sieg zum besten. Hier zeigt sich nochmals deutlich das Punch-Out!! für die Wii vor allem auch eine Hommage an das NES-Spiel ist. Etwa wenn Doc Louis in einer Zwischensequenz entspannt daherradelt, während Mac im rosa Trainingsanzug hinterherhetzt.

Die Präsentation: Kann noch ein paar Trainingseinheiten vertragen.


Punch-Out!! ist ein klassisches, puristisches Videospiel, wie man es eben in der Spielhalle vorfinden würde und genau deshalb so gut. Die simple Spielmechanik manifestiert sich in erstaunlich kniffligen Kämpfen. Lediglich 14 Gegner sind zwar etwas wenig, doch der Umfang wird gestreckt indem diese beim zweiten Durchgang mit anderen Techniken und Attributen aufwarten Wie etwa "King Hippo", der dann seine Schwachstelle, den Bauch, mit einer Eisenplatte schützt. Außerdem könnt ihr bei Schaukämpfen verschiedene Vorgaben erfüllen, zum Beispiel den Gegner mit einer bestimmten Anzahl von Schlägen niederzuringen oder nicht einmal zu Boden gehen, um so Artworks und Videos freizuschalten. Nicht gerade viel, aber die Herausforderung reizt zu erneuten Anläufen. Überhaupt erweckt das Spiel die altbewährte "Noch ein Versuch"-Mentalität und zieht daraus einen Großteil seiner Motivation. Zu guter letzt bietet die Wii-Boxerei erstmals in der Seriengeschichte einen Zweispieler-Modus, in dem zwei Halbstarke sich offline im Splitscreen jeweils in der Rolle von Little Mac gegenseitig die Ohrläppchen warmkloppen können.
Bei der Präsentation und dem spielerischen Drumherum verschenkt Nintendo allerdings - ebenfalls typisch - mal wieder Potential. Ein paar Trainingsminispiele oder weiter originelle Spielmodi hätten die Dauermotivation sicher noch erhöht. Zusätzliche Kämpfer und Online-Unterstützung im Multiplayer wären auch nicht schlecht gewesen. Eine echte Story hätte dem Karriere-Modus noch mehr Charme abgerungen. Zur Einführung der Opponenten gibt's dafür ein paar kurze, hübsch bunt gemalte Standbilder, die nicht lustig sind, kein Klischee auslassen und so lächerlich billig wirken, als wären sie noch in letzter Sekunde da eingefügt worden, wo eigentlich bewegte Cutscenes hingehörten. Dafür kann sich die Grafik sehen lassen. Sämtliche Kämpfer sind witzig und flüssig animiert. Es gibt nette, kleine Details zu sehen und der Celshading-Look wirkt wie aus einem Guss. Da aber die Perspektive strikt fixiert ist und es auch zu Match-Beginn keine spektakulären Kamerafahrten durch die Arena gibt, kommt eigentlich zu keinem Zeitpunkt mitreißende Sport-Event-Atmosphäre auf. Mit viel optischer Abwechslung oder augenschmeichelnden Effekten braucht ihr ebenfalls nicht zu rechnen. Die Musik nehmt ihr während der Kämpfe kaum wahr, doch gerade das Hauptthema ist ein echter Ohrwurm. Die restlichen Stücke sind flott und passend, können mit der Zeit aber ein wenig eintönig werden.
Punch-Out!!

Schweißtreibend motivierendes Oldschool-Boxen

Kommentare

HszAustria
  

Ich hab mir das Spiel geholt und muss sagen das es sehr unterhaltsam ist und ne Menge Fun macht. Ist zwar nen Tick zu teuer f?r den Umfang aber mir war es das Wert.

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Zerfikka
  

Boah, wat f?rn ein Dreck ! 8/10 f?r so ein Folterinstrument, naja.

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float
  

F?r mich sieht das Spiel immer nach einem leicht aufgepepptem Wii-Sports-Boxen aus.

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jiro
  

Meine Wii liegt seit letztem Jahr in irgendeiner Ecke meines Zimmers. Lohnt es sich wirklich sie f?r diesen Titel wieder auszugraben?

Davon abgesehen, erinnert mich der Stil des Trailers (und vor allem die Musik) und Die tollen Fu?ballstars mit Tsubasa ;)

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