The Whispered World

Ersetzen wir die sympathisch durchgeknallte Edna in einem Irrenhaus durch einen Kummerklops-Clown in einem Wanderzirkus mit dem bezeichnenden Namen „Sadwick“, den ominösen Hasen „Harvey“ durch ein Raupen-Etwas, das sich in unterschiedliche Zustände verwandeln kann, und packen das Ganze in ein melancholisches Szenario einer Welt, die kurz vor dem Abgrund steht, fertig ist das wohl „interessanteste“ Adventure dieses Jahres: The Whispered World.


Mann ist der scheiße drauf!

Der Vergleich mit "Edna bricht aus", kommt natürlich nicht von ungefähr, denn hinter beiden Adventures stecken die deutschen Adventure-Schöpfer Daedalic und behaupten die Krone der Abenteuerspiele mit Tiefgang. Im Gegensatz zu Ednas Ausbruch aus der Irrenanstalt, mit temporären Ausflügen in eine verstörte Kindheit, kommt The Whispered World ohne diese offensichtliche Komik daher, sondern überrascht, vor allem ein älteres Publikum mit tiefsinnigen und eher philosophischen Fragen über das Sein und dem Grund, warum es uns überhaupt gibt. Logisches Gefäß dieser Gedankengänge, die das empfohlene Spielalter von 6 Jahren um 20 erweitert, ist die tragisch-komische Clown-Figur Sadwick, die mit ihrem ewig unterdrückenden Bruder Ben und dem senilen Opa, der immer eine gute Geschichte parat hat, sich jedoch über mehr als einen Satz hinaus kaum konzentrieren kann, einen eher erfolglosen Wanderzirkus betreibt. In seinen Träumen hat Sadwick die Vision des Weltuntergangs, der sich in der Wirklichkeit schon manifestiert, trotzdem noch nicht das Ausmaß angenommen hat, wie in Sadwicks REM-Phase. Von diesen Träumen verfolgt, unter chronischer Missstimmung leidend und ohne Motivation, dem üblichen Handwerk eines Schaustellers nachzukommen, das heißt Kunststücke zu üben, Jonglieren (was der Bruder eh besser kann) oder das einzige Tier im Trupp zu füttern, lässt Sadwick euch mit jeder Faser seines ulkig kostümierten Körpers spüren, dass ihr es mit einem etwas anderen "Helden" zu tun habt.
The Whispered World

Spot on Spot!

Spot ist dabei der einzige Begleiter von Sadwick auf seiner Mission, die Welt vor dem Abgrund zu retten (obwohl Sadwick laut einem Orakel, das man erst einmal finden muss, das genaue Gegenteil zu tun hat - er soll sie tatsächlich zerstören). Auf seiner Reise begegnet Sadwick allerhand merkwürdigen, wie skurrilen Geschöpfen. Da ist die Rede von Furcht einflößenden Asgil, den mutigen Chaskis, von denen Bobby, der Einzige ist, der nicht gerade mutig, sondern einfach nur hungrig ist und dann gibt es noch die Gebrüder Steine, die die Welt erobern wollen. Die Zutaten für herrlich aberwitzige Dialoge sind also da und werden von den Jungs von Daedalic hervorragend gemixt. Heraus kommt ein Cocktail, der vor allem mit der bekannten Liebe zum Detail beeindruckt. Jeder Dialog ist hervorragend vertont, nahezu jede Kombination unterschiedlicher Gegenstände wird individuell kommentiert. So wird man immer dazu eingeladen einfach mal herumzuexperimentieren, einfach weil man wissen will, was Sadwick als nächstes Trostloses von sich gibt. Nur ganz selten wiederholen sich einige Sprüche. Die Sprecher machen dabei alle einen hervorragenden Job, gerade der schwierige Part des ewig trauernden Sadwick wird von seiner Synchronstimme wunderbar bewältigt. Die Rätselstruktur ist solide, die Aufgaben reichen dabei von "Captain Obvious" über "Ah, gut, dass ich noch mal bei Opi nachgefragt habe" hin zu "Wie soll man denn darauf kommen?" Einige Rätsel sind tatsächlich verdammt heftig, was aber nicht unbedingt am Grips des Spielers liegen muss. Das Problem hierbei ist das Kontextmenü von The Whispered World. Normalerweise denkt man nicht, dass man, um eine Kerze ausblasen zu wollen, mit ihr "sprechen" muss. Bevor ihr also so ewig herumrätselt wie ich, hier ein kleiner Tipp: Die drei Interaktionsmöglichkeiten wirken sich immer unterschiedlich aus. "Hand kombiniert mit Mauseloch" bedeutet also nicht das absolut hirnrissige "Nimm Loch mit" - daher habe ich es im Vorfeld sein lassen - sondern "Klopf an Mauseloch an". Eine doch etwas nachvollziehbarere Aktion, auf die man mit der normalen Logik nicht kommen würde. Die klassische Interaktion per Rechtsklick, die euch kontextbasierte Aktionen durchführen lässt, wäre hier wünschenswert gewesen. Aber auch andere Rätsel fallen durch nicht nachvollziehbare Lösungen negativ auf - aber das werdet ihr schon noch selbst herausfinden.
The Whispered World

Die Würfel sind gefallen - und wieder - und wieder ...

Ansonsten haben wir noch klassische Elemente wie ein Inventar, das sich per Rechtsklick auf den Bildschirm stanzen lässt, in dem sich Gegenstände miteinander kombinieren lassen, was aber durch seine Übersichtlichkeit zu unnötigen Klickereien einlädt. Das ist aber Kritik auf einem eher hohen Niveau. Auch die Errungenschaften der modernen Adventures haben hier ihren Einzug gefunden. Dialoge lassen sich wegklicken, wichtige Gegenstände durch den Druck auf die Leertaste hervorheben und ein Doppelklick auf den Bildschirmrand lässt euch sofort zum nächsten Wechseln (obwohl mir hier die Ladezeit ein Tick zu lang erscheint). Sadwick kann leider nicht rennen (was gerade in Kapitel 2 nervt), dafür lässt euch eine Karte bequem und schnell die Ortschaften wechseln.
The Whispered World

Dieses Spiel muss nicht geflüstert werden

Kommentare

  

Wow das scheint mal seid langer Zeit ein echt gutes Click&Point Adventure zu sein. Das ist jedenfalls schon mal gekauft. Seid langer Zeit dann endlich mal wieder ein Pc spiel gekauft und nicht anderweitig erworben.

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Ja, sehr toller Kopierschutz ;) Die W?rfel gibt's als *.pdf zum Ausdrucken und Ausschneiden direkt zum Release dazu >.>
Aber die Idee an sich ist klasse!

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pc_only_user_95
  

h?rt sich ganz gut, das mit dem kopierschutz w?rde ich ?berleben, ich k?nnte mir mal ?berlegen ob ich mir es kaufe...interessant ist es allemal.

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j1mbo
  

Und der Kopierschutz erinnert an manch alte Amiga-Spiele :D

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j1mbo
  

Klingt alles sehr interessant und sieht auch gut aus =)

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Ben Man
  

Unterhaltung kann auch melancholisch, nachdenkliche oder gar traurig sein ! Das Spiel hat aber ja auch seine witzigen und bunten Momente, halt nicht so platt im Vordergrund, aber dennoch vorhanden !
Demnach finde ich das Spiel grandios und auch k?nstlerisch sehr liebevoll gemacht !

F?r mich eines der besten Adventures ?BERHAUPT !

PS: Das Spiel l?uft nur in 1024...sieht aber auch so grandios aus !

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Aldigator
  

L?uft es, wie "Edna", wieder nur in 800*600, oder gibts diesesmal auch h?here Aufl?sungen?

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Ragism
  

The Whispered World ist f?r mich das beste Adventure, das ich seit Ewigkeiten gespielt habe. Wer einen Sinn f?r den Sarkasmus und die Depressivit?t des Clowns Sadwick hat, der kommt auch mit dem Humor nicht zu kurz. Der Rest der Welt ist zauberhaft, mit ausgefeilten und interessanten Charakteren gespickt und voller witziger Ideen. Und wie im Test schon steht, ist die Geschichte ein echtes Highlight.
Normalerweise bin ich vor allem bei moderneren Adventures sehr kritisch, weil sie irgendwie nie so zu bezaubern wissen wie die guten alten LucasArts-Spiele. Bei TWW ist dem aber absolut nicht so. Klar, manche R?tsel bisher waren schon knackig, aber im Gegensatz zu den meisten modernen Adventures habe ich wirklich Lust, mich mit ihnen zu besch?ftigen. F?r mich ist es eine 9/10, aber wie gesagt: Man muss etwas f?r den Hauptcharakter ?brig haben.

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